Freitag, 5. November 2010

Mein Bruder sagt:

"Religionskriege sind Konflikte zwischen erwachsenen Menschen, bei denen es darum geht, wer den cooleren imaginären Freund hat!"

 

Montag, 3. April 2000

Meine lieben Küken,

 (Für das Abschlussheft DER 10. Klasse, die dereinst meine allererste fünfte Klasse als Klassenleiter war.)

es war schon ein komischer Tag, „damals“ im Sommer ´94! Ich hatte alles so perfekt geplant, dass eigentlich nichts schief gehen konnte: ich war am Morgen zuvor noch einmal die Busstrecke von Oberplanitz bis zur Zentralhaltestelle gefahren, nur um sicher zu gehen, dass ich die Busfahrzeit richtig eingeschätzt hatte. Ich hatte mich sogar für einen früheren Bus entschieden, damit ich bloß nicht zu spät komme. 


Und dann saß ich an diesem brüllend heißen Augustmorgen im Bus, mit weißem Hemd und der guten Papageienkrawatte. Ich hatte ordentlich gefrühstückt und sogar noch mein Hemd gebügelt, und das tue ich wirklich nur zu ganz besonderen Anlässen. Ich hatte mir in den vergangenen Tagen und Nächten immer wieder ausgemalt, wie sie wohl sein würde, meine erste Klasse. Kinder der Großstadt oder aus dem ländlichen Umfeld? Markenbewusste Adidasgören oder lauter kleine Revoluzzer?


„Stadtkinder“ dachte ich jetzt im Bus. „Sicher alle neurotisch und voller Vorurteile gegen Leute aus dem Westen.“ – „Vielleicht sind es aber auch einfach nur nette, kleine Kinder, die pausenlos herumwuseln und lauter lustiges, dummes Zeug anstellen!“ Dummes Zeug? VERANTWORTUNG???!!! Das Wort erschien auf ein mal mit roten Leuchtbuchstaben in meinem Bewusstsein. „Oh mein Gott! Du hast ja noch nie eine Klasse geleitet!“ wurde mir schlagartig klar, als der Bus ebenso schlagartig stehen blieb. 


Irgendwie hatte sich wohl herumgesprochen, dass Linienbusse am ersten Schultag selten pünktlich ihr Ziel erreichen. Viele Eltern hatte deshalb die Idee gehabt, ihre Kinder persönlich an der Schultüre abzuliefern. Der Verkehrsstau, der sich aus den vielen, zur Innenstadt strebenden Elternfahrzeugen ergab bewirkte, dass tatsächlich niemand wirklich pünktlich war an diesem komischen Tag, weder Busse, noch Eltern. Ich schwitzte in dem heißen Bus wie ein Schwein - ich muss es an dieser Stelle einmal so deutlich sagen - , das frisch gebügelte Hemd zerknitterte zusehends, und der mühsam ausgeklügelte Zeitplan brach zusammen, besser: zerfloss. 


Als ich endlich im Peter-Breuer-Gymnasium ankam, hatte ich ungefähr eine halbe Stunde Verspätung und fühlte mich schon wie Freitagabend. Im Sekretariat war auch niemand, so machte ich mich auf die Suche. Vor dem späteren Informatikzimmer sah ich dann eine Menschentraube - „Verzeihung....darf ich bitte ´mal vorbei?“ - und hörte von drinnen so etwas wie „.....uth ist leider noch nicht eingetroffen....“ 


„Hallo! Ich bin da! Ich will meine Klasse haben, und zwar sofort! Ganz egal, wie sie ist!“ schrie ich in Gedanken. Irgendwann stand ich dann endlich vor der Menschenmenge aus Eltern, Schülern und Gästen und las eine Liste mit Namen vor. Ich hatte diese Liste noch nie zuvor gesehen, und ich danke meinem Schöpfer noch heute dafür, dass auf dieser Liste keine Namen gestanden haben die ich nicht aussprechen konnte. Wer weiß, wie viele ich trotzdem falsch ausgesprochen habe, in dem Wahn alles richtig zu machen. Wer weiß, wie viele Kinderseelen ich durch falsche Aussprache des Namens verletzt habe, an diesem komischen Tag. Eigentlich will ich es heute auch gar nicht mehr so genau wissen!


Um es kurz zu machen: letzten Endes landete ich mit einer Schar aus neugierigen und verschüchterten Kindern im Klassenzimmer. Süße Kinder waren das: mit großen Kulleraugen unter roten, blonden oder braunen Strubbelköpfen die ihre Mütter mit sichtbarer Anstrengung glatt gekämmt hatten. Kinder mit und ohne Sommersprossen und kurzen Hosen oder langen Sommerkleidern, kleine Zappelphilippe mit viel zu großen Schulranzen oder schüchterne, langsame Bohnenstangen, die ihren Ranzen vergessen hatten. Die gute Papageienkrawatte habe ich sofort ausgezogen, ebenso das Jackett. Es war nämlich nicht nur ein komischer, es war vor allem ein irrsinnig heißer Tag, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.


„Jetzt sollten wir uns wohl erst einmal kennen lernen!“ sagte ich und erklärte Euch das Krokodilspiel: „Ich bin der Fritz, und das ist das Krokodil, und das habe ich vom Peter bekommen, und der hat es vom Klaus, und der hat es von der Lisa.....“ – Ihr wisst schon. Natürlich konntet Ihr das Spiel viel besser als ich und alle lachten sich kaputt über mein schlechtes Namensgedächtnis. Aber das Eis war gebrochen und wir freundeten uns an.


In den nächsten Jahren erlebten wir wirklich eine ganze Menge - Erfreuliches und auch weniger Erfreuliches. Erinnert Ihr Euch noch an meinen Ausrutscher beim Fangen Spielen? Hei, war das eine Freude, seinen Lehrer in den Matsch segeln zu sehen! Oder an die feucht-fröhliche Ruderpartie auf der Altmühl? Wenn ich mir den Wandererlass und all die anderen Verordnungen heute so ansehe, kann ich nur sagen: Gott sei Dank, dass auf dieser Fahrt nichts passiert ist! Ich habe da nämlich an jedem Tag dieser Fahrt mit mehr als einem Bein im Gefängnis gestanden. Und überhaupt: Eichstätt war von allen Klassenfahrten, die ich bisher organisiert habe, die allertollste, vielleicht gerade WEIL wir es mit den Bestimmungen nicht so genau genommen haben. Dadurch ist Sascha in den Genuss eines ganztägigen Huckepackrittes gekommen, Christian hatte das zweifelhafte Vergnügen, anschließend mit einer Lungenentzündung im Bett zu liegen, wir bestaunten Eric, der mit seinem Charme die Herzen der zwei Jahre älteren Mädchen im Sturm eroberte, Sonnenbrand haben wir uns Quadratmeterweise eingefangen („Sonnenölalarm!!!“) und ich habe zumindest einen neue Badehose bekommen (*kicher*). 

Für mich war die Zeit als Euer Klassenleiter ausgesprochen lehrreich. Ich habe gelernt, dass mein Weg, die Fünf gerade sein zu lassen, oft, wenn auch nicht immer, der richtige Weg ist. Ich habe gelernt, dass man als Lehrer seine Schwächen nicht unbedingt verstecken muss: wer seine Schüler aufrichtig mit all ihren Schwächen und Fehlern liebt, der wird seinerseits auch von ihnen geachtet, selbst wenn er ´mal einen schlechten Tag hat, an dem nichts, aber auch überhaupt nichts klappt. 

Nach drei Jahren war aber die Luft erst einmal raus: Ihr kanntet all meine billigen Tricks, ich kannte Eure. Die Spannung war weg, der Unterricht war für beide Seiten absolut vorhersehbar, berechenbar und auch langweilig geworden. Es wurde also Zeit für einen Wechsel der Klassenleitung. Mit Frau Kröpfl habt Ihr da, so glaube ich, einen ebenso guten Fang gemacht wie ich mit meiner nächsten Klasse, den „Mäusen“. (Küken durfte ich sie ja nicht nennen!) Trotzdem habe ich Euch nicht aus den Augen verloren: Im Informatikzimmer sahen wir uns zwar nur noch einmal in der Woche – es war dieses schreckliche „Fliessbandunterrichtjahr“, in dem ich sechs Klassen parallel durch die Informatik geschleust habe – aber dadurch war ich noch immer Mitglied der Klassenkonferenz. So habe ich natürlich alle wichtigen Entwicklungen in der damaligen 8b verfolgen können und mit wachsendem Interesse beobachtet. Der für mich bemerkenswerteste Vorgang war der „Schrumpfprozess“ der jetzt einsetzte: Etliche Abgänge – sei es wegen Leistungsschwächen oder sei es wegen spezieller Profilwünsche – ließen die Klasse auf unter 20 Schüler zusammenschmelzen.  Diese Erfahrung war für Euch sicher ebenso schmerzlich wie für mich. Doch ich denke, dass dies dem Arbeitsklima überaus förderlich war. Mit einer so kleinen Gruppe zu arbeiten ist für Lehrer wie Schüler der pure Luxus, denn individuelle Förderung wird möglich, wo früher im Massenbetrieb so manches Bedürfnis einfach unterging. So empfand ich unser fünftes gemeinsames Jahr – diesmal als Biologielehrer – wieder als ausgesprochen spannend. Ihr hattet Euch menschlich sehr positiv entwickelt, die Klassengemeinschaft wirkte auf mich vorbildlich: Schwächen einzelner Schüler wurden nun nicht mehr bespöttelt, sondern sie wurden von der Gemeinschaft aufgefangen. Jeder brachte seine individuellen Stärken und Fähigkeiten in das Gesamtergebnis ein, Ihr habt Euch gegenseitig ergänzt und so eine völlig neue Qualität entwickelt. Aus dem wuseligen Haufen kurzbehoster, sommersprossiger Wuschelköpfe war ein echtes Team geworden, eine Gemeinschaft aus Schülern, die als werdende Erwachsene ernst zu nehmen mir nicht schwer gefallen ist. Wer hätte das gedacht, an diesem komischen und heißen Sommertag 1994?

Gerne hätte ich Euch noch länger begleitet, Eure Entwicklung weiter verfolgt. Unser Abschied war deshalb auch sehr schwer für mich: Ihr habt mir zum Schluss noch ein Lied gesummt, das Hauptmotiv aus dem Film „1492“, und ich stand vor Euch mit einem Kloß im Hals und feuchten Augen, bereit neue Welten zu entdecken wie einst Kolumbus. (nein, DAS ist jetzt wirklich zu viel Pathos!) Die Entfernung zwischen Zwickau und meiner neuen Heimat ist zwar nicht ganz so riesig wie die zwischen Europa und der neuen Welt, doch für einen Tagesausflug ist sie zu groß. Angesichts der für mich weitgehend neuen Lehrpläne und dem damit verbundenen Aufwand an Unterrichtsvorbereitungen, angesichts des vielen, für mich weitgehend neuen Unterrichts in der Oberstufe und des aufwändigen Umzugs über fast 600 km, blieb mir im vergangenen Schuljahr keine Zeit für Besuche am Peter-Breuer-Gymnasium.  Dass wir dennoch den Kontakt aufrecht erhalten haben – ich erinnere hier stellvertretend für zahllose Briefe, Emails und Telefonate nur an das herrliche Geburtstagspäckchen – freut mich besonders, denn schließlich seid Ihr immer noch „meine Küken“ und werdet es immer bleiben. 

Und nun steht Euch der letzte große Bruch vor dem Abitur bevor: die Auflösung der Klassengemeinschaft und der Übertritt in die Oberstufe. Zum ersten Mal werdet Ihr nicht mehr von einem Klassenleiter betüddelt, der täglich eure Fehlstunden überprüft und Euch wichtige Termine an die Tafel schreibt. Eigenverantwortung wird in Zukunft groß geschrieben. Zum ersten Mal habt ihr alle unterschiedliche Stundenpläne und in fast jeder Stunde eine neue Lerngruppe. Ich hoffe sehr, dass wir Klassenleiter der ersten Jahre Euch auch auf diesen Schritt vorbereitet haben: Sooft es ging haben wir versucht, selbständiges Lernen zu trainieren und auch Klassenübergreifend mit Euch zu arbeiten, damit dieser vorerst letzte Bruch nicht zu schwer für Euch wird. War es der Mühe wert, mit Euch drei Klassen gemeinsame Klassenausflüge und Besinnungstage zu organisieren? War es richtig, Gruppen- und Projektarbeit mit Euch zu üben? Sicher werdet Ihr mir in den kommenden Jahren davon berichten – ich freue mich jetzt schon auf Eure Briefe!

Für Eure weitere Ausbildung, egal ob in der Oberstufe oder in einem Beruf, wünscht Euch von ganzem Herzen alles Gute und viel Erfolg

Adolf Kluth

Montag, 1. Februar 1999

Wie ich nach Zwickau kam

oder:

Das Skelett auf dem Beifahrersitz

(Für eine Festschrift an meiner ersten Stelle gegen Ende der 90er)

Also wie war das noch im Mai 1994? Da fand ich auf meinem Anrufbeantworter in Trier eine Mitteilung: „Hallo Herr Kluth, hier ist das Peter-Breuer-Gymnasium in Zwickau. Ich wollte ‘mal fragen, wann Sie sich bei uns vorstellen!“ - Nicht ob, son­dern wann! Peter-Breuer-Gymnasium? Noch nie gehört! Ich hatte gerade für meine Referendarskollegen und mich ein Verzeichnis aller deutschen Privatschulen erstellt, aber da gab es kein Peter-Breuer-Gymnasium. Hatte ich mich vielleicht verhört? Vielleicht ein schlechter Scherz? Zwickau? Wo liegt das eigentlich? Ist das nicht ir­gendwo im Südosten der Republik? Der Atlas hilft weiter: Aha! Über 100.000 Ein­wohner, Industrie jede Menge - hoffentlich gibt’s die noch! Rohstoffe im Erzgebirge? Uran! Hoppla, was mich da wohl erwartet? Die „Daten zur Umwelt“ konsultieren: Ach Du Sch...! Das sieht aber böse aus! Nun gut, anrufen wird wohl nicht schaden. Zu­erst hatte ich einige Probleme mit der recht deutlicher Dialektfärbung meines Ge­sprächspartners, schließlich hatte ich mich als überzeugter Rheinländer gerade erst an das auch nicht leicht zu verstehende Trierer Moselfränkisch gewöhnt. Aber dann ging alles ganz schnell: Ein Gymnasium sollte aufgebaut werden, christlich sollte es sein, ein Bio-Geo-Lehrer würde auch noch gebraucht und zwar zack-zack! 
Kurz: Ich habe alle meine Vorurteile über die neuen Bundesländer im allgemeinen und über eine Stadt in einem industriellen Verdichtungsraum im besonderen über Bord geworfen, mich an einem schwül-warmen Freitagabend in einen Nachtzug ge­setzt, um mir dieses Peter-Breuer-Gymnasium, das es im Mai 1994 noch gar nicht gab, erst einmal anzusehen. 
Zwickau Hauptbahnhof: Es war früh, ich hatte im Zug kein Auge zugemacht. Der Himmel zeigte sich königsblau, die Baustellen staubten und brüllten mich an. Ich nahm, wie von Frau Winkler empfohlen, die Straßenbahn. Das waren noch nicht diese dicken, flüsterleisen high-tech Boliden, sondern alte, bemitleidenswert klapp­rige Bimmelbähnchen. Ich fuhr vorbei an vielen vergammelten, aber restaurierungs­würdigen Häusern, an alten Alleebäumen, die sich zur Fahrbahn bückten, an Ge­schäften mit für mich merkwürdigen Namen wie „Gute Schuhe für wenig Geld“, an ein paar blitzblank erneuerten Häuserfassaden und an Baustellen, immer wieder Baustellen. Mein erster Eindruck von Zwickau war: diese Stadt ist eine riesige Bau­stelle in der so ganz nebenbei auch über 100.000 Menschen leben. Das Gebäude in der Georgenstraße 3-5 habe ich mir erst einmal in Ruhe von außen angesehen. „Eine tolle Gründerzeitfassade ist das,“ dachte ich mir „daraus kann man bestimmt etwas machen.“ Aber drinnen stolperte ich dann zunächst über Bauschutt. - You can’t judge a book by its cover! Frau Winkler kannte ich schon vom Telephon, Herr Reger war auch da, Pater Lange und Superintendent Mieth. Und dann haben wir uns erst einmal bei einer Tasse von Frau Winklers leckerem Kaffee zusammengesetzt: der Beginn einer wunderbaren Freundschaft! Ich habe mir alles erklären lassen: Ein neues, christliches Gymnasium in einem alten Gebäude, natürlich von Grund auf sa­niert. Schüler haben wir schon, das Kollegium ist jetzt auch komplett, Möbel sind be­stellt, Sie brauchen jetzt nur noch die Schulbücher für Ihre Fächer auszusuchen, und dann kann es im August losgehen. Wie bitte? Im August soll ich in dieser Baustelle unterrichten?
Bisher hatte mich ja noch niemand ausdrücklich gefragt, aber das war auch unnötig. Natürlich wollte ich mitmachen! Welcher einigermaßen vernünftige Lehrer will schon an der Lahn in einem riesigen Gymnasium einen kurz vor Schuljahresbeginn abge­sprungenen Kollegen ersetzten, wenn er beim Aufbau einer neuen Schule mitwirken kann? Eine solche Chance gibt es nur einmal im Leben. 
Und so fuhr ich, bewaffnet mit Lehrplänen, Lehrmittelkatalogen, Schulbuchprospek­ten und dem Immobilienteil der Freien Presse im nächsten Nachtzug nach Trier. Ich machte wieder kein Auge zu, diesmal aber nicht wegen des Lärms im Zug, sondern weil mir im Grunde erst jetzt klar wurde, auf was ich mich da eingelassen hatte. So vieles mußte noch erledigt werden: Mit Schulbuchverlagen telefonieren, mit Lehr­mittelhändlern schachern, den Vertreter des Mikroskopherstellers mit einem Probe­exemplar heranzitieren und schließlich brauchte ich ja auch noch eine Wohnung. Ich erreichte mein Bett deutlich zerknittert und mit einer käsigen Gesichtsfarbe. In den nächsten Wochen fuhr ich immer wieder mit dem Nachtzug - 11 ½ Stunden - nach Zwickau und organisierte eine Wohnung, Telephon, Mikroskope, Bücher und, und, und... Schließlich brachen die Sommerferien in Rheinland-Pfalz an, meinen Umzug brachte ich an einem wüstenheißen Sommertag, bewaffnet mit Kleinlaster und Handy, so schnell wie möglich hinter mich und bezog in Oberplanitz Quartier. 
Die aufregendste Zeit waren die Wochen kurz vor Schuljahresbeginn. Wann würden mir endlich wieder Kinder zwischen den Füßen herumwuseln? Wie würden die Schüler sein? Würden die Bauarbeiten rechtzeitig beendet werden? Wie bekommen wir die schönen aber leeren Schränke in den Fachkabinetten voll?
Die erste Begegnung mit den neuen Kollegen: Ich spürte spontane Sympathie einer­seits, schließlich ließen sich ja alle auf ein großes Wagnis ein. Andererseits übten wir auch ein wenig vorsichtige Zurückhaltung, denn hier trafen sich ja Menschen mit völ­lig unterschiedlichen Lebensgeschichten, mit unterschiedlichen Erfahrungen und Temperamenten. Rheinländer und Bayern, Sachsen und Niedersachsen - ob das wohl gut gehen würde? Doch dazu später mehr!
An einem späten Montag Vormittag, ich bin mir nicht sicher ob das Schuljahr schon begonnen hatte oder nicht, tauchte Pater Lange auf. Er hatte, Gott weiß woher, ei­nen VW-Bus organisiert: „Herr Kluth, wir fahren jetzt die Biologiesammlung holen!“ In der Tat hatte ich in der letzten Zeit öfter in anderen Schulen gewühlt. Wo immer eine Mittelschule zur Grundschule umgewandelt wurde, wurden ja die Sammlungen nicht mehr gebraucht und waren „zum Abschuss freigegeben“. Unterstützt von einigen mit einem Rieseneis bestochenen Grundschülern luden also Pater Lange, Herr Dr. Gru­ber und ich den Transporter und Herrn Grubers Auto mit unseren frisch erworbenen Schätzen voll. Das Skelett Marke „VEB-Plaste-und-Elaste-aus-Schkopau“ fiel beim Einladen fast auseinander, ein Bein mußte ich aus Sicherheitsgründen sofort mit ei­ner Kombizange amputieren. Um den Knochenmann nicht noch mehr zu beschädi­gen, schnallten wir ihn kurzerhand auf dem Beifahrersitz des Bullys fest. Den rechten Arm legten wir in Mantafahrerart auf den Rahmen des geöffneten Fensters. Ich selbst kniete mich in den Laderaum zwischen staubige Karten und hielt mit Händen und Füßen fest, was umzufallen oder zu zerbrechen drohte. Das amputierte Kno­chenbein ragte aus irgendeinem Karton. Bei der anschließenden Fahrt durch die Stadt bemerkte ich Erstaunliches: Obwohl Pater Lange mit sichtlichem Vergnügen immer wieder die Aufmerksamkeit der Passanten auf seinen makaberen Kopiloten zu lenken suchte, wurde dieser fast von niemandem bemerkt. Offensichtlich war je­der so mit sich selbst beschäftigt oder in seine Sorgen vertieft, daß das Skelett gera­dezu unsichtbar war. Nur als wir an einer Ampel neben einer Straßenbahn hielten, zappelte ein Kind in der Tram herum und versuchte seiner Mutter unseren Mitfahrer zu zeigen. Diese glaubte ihrem Sprößling zunächst nicht, von ihren Lippen konnte ich noch die Worte „Du spinnst!“ ablesen. Erst als die Bahn sich schon wieder in Be­wegung setzte, sah sie das grausige Grinsen des Totenschädels. Ihren ungläubigen Gesichtsausdruck, mit herunterhängendem Unterkiefer und weit aufgerissenen Au­gen, werde ich sicher nie mehr aus meinem Gedächtnis löschen können. Pater Lange bog sich derart vor Lachen, daß er beinahe die anfahrende Straßenbahn ge­rammt hätte. 
Und überhaupt: Wer braucht schon Lehrmittel? In den ersten Wochen trudelten die Bestellungen ja nur nach und nach ein. In so manchem Fach mußten die Lehrbücher von den Verlagen erst noch gedruckt werden und trafen deshalb erst in oder nach den Herbstferien ein. Karten für den Geographieunterricht gab es zunächst noch nicht oder nur uralte, aus dem Fundus der „abgestaubten“ Schulsammlungen; auch in der Physik fehlte es noch an allen Ecken und Enden. So sah man mich zu Beginn des Schuljahres 94/95 oft mit einem Wasserball als Globus und einem Fleischerha­ken als Kartenaufhänger bewaffnet durch die Gänge gehen. Die Klimakarte für die 7. Klasse hatte ich kurzerhand aus einem Atlas abphotographiert und zeigte sie jetzt als Dia. Dr. Schmieder beförderte immer wieder Selbstgebasteltes in die Physik. El­tern und Freunde der Schule stifteten das Aquarium, Bücher, Zimmerpflanzen, An­schauungsmaterial oder packten einfach mit an. Jeder improvisierte nach Kräften, es wurden private Diaprojektoren und Kassettenrecorder angeschleppt und der eigene Kleiderschrank nach Laken durchforstet, die wir für einen Gottesdienst zerschneiden wollten. Überall wurden Bücher erbettelt, Computerprogramme oder uralte Karten­ständer (erinnert Ihr Euch?) erschnorrt, selbst die ersten Polylux-Geräte - Friede ih­rer Asche - haben wir irgendwo auf einem Dachboden gefunden.

Im ersten Jahr entstand so eine verschworene Gemeinschaft aus elf Leuten, die alle an einem Strang zogen: die Sekretärin, der Hausmeister, die Lehrer und der Direk­tor. Egal was wir taten: alle faßten, je nach Fähigkeiten, mit an und halfen sich ge­genseitig. Die Bücher müssen ge­stempelt werden? Die Kollegen, die Sekretärin und der Chef stem­pelten gemeinsam die Bücher. Stahlschränke stehen im Weg? Alle Männer, egal ob Englischleh­rer oder Hausmeister krempelten die Ärmel hoch. Die Sekretärin ist krank? Schwupps, schon war Herr Mayer unsere neue Sekretärin. Der Computer spinnt? Laß mich ‘mal sehen, das kriegen wir schon wie­der hin! Eine Klasse muß in die Sporthalle XY gebracht werden? Ein Kollege fand sich immer! Kollege Z ist krank? Schon versammelte sich das Kol­legium um den Stundenplan und tüftelte gemeinsam die Vertretungsstunden aus. Wer Zeit hatte schrieb mit der Hand - man höre und staune - den Vertretungsplan und hängte ihn aus, erst später wurde er in den Rechner getippt. 
Es war eine wilde Zeit, anstrengend und voller Improvisationen. Oft haben wir am Nachmittag so lange in der Schule herumgebastelt, daß wir erst am Abend an den Schreibtisch kamen. So wurden Stundenvorbereitungen und Korrekturen manchmal erst nach Mitternacht fertig. Grauer hat sie mich gemacht, diese Zeit, grauer und ein wenig faltiger. Es war sicher das anstrengendste Jahr meines Lebens. Aber genau so hatte ich es mir ausgemalt, als ich im Mai 1994 mit dem Nachtzug von Zwickau nach Trier fuhr und vor Tatendrang und Aufregung nicht schlafen konnte, obwohl ich in der Nacht zuvor auch schon wach geblieben war. Genau so hatte ich es mir aus­gemalt und auch gewünscht. Die Entscheidung, nach Zwickau zu kommen um eine neue Schule aufzubauen, würde ich deshalb jederzeit wieder treffen.